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Turkmenistan – wiedergewonnene Freiheit in der Diktatur

Alem Center, illuminated Ferris Wheel, Ashgabat, Turkmenistan

Wir hätten nicht erwartet, im Zusammenhang mit einer der repressivsten Diktaturen unserer Zeit von Freiheit zu sprechen. Turkmenistan landet zuverlässig auf den hintersten Plätzen der Listen in denen es um Pressefreiheit oder Menschenrechte geht. Und doch stellt sich genau dieses Gefühl ein, als wir den Iran hinter uns lassen und grüne Gebirgshänge Richtung trockener Wüste und der Hauptstadt Ashgabat hinabrollen. Direkt hinter dem Grenzposten fliegt als allererste Handlung Daggis Kopftuch in die Ecke. Ein echter Freiheitsgewinn nach sechs Wochen Zwang, den Kopf zu verdecken. Die Frauen in Turkmenistan dürfen sich wieder figurbetont kleiden und hüllen sich nicht in Säcke, die auf gar keinen Fall weibliche Formen erahnen lassen, wie es viele Iranerinnen außerhalb der großen Städte noch tun. Ebenso gibt es kein Alkoholverbot im Land und sogar einen Biergarten in Ashgabat. Diese beiden eigentlich kleinen Dinge genügen schon, um Glücksgefühle bei uns zu aufkommen zu lassen.

Kontrolle

Dabei sprechen eigentlich alle weiteren Anzeichen sehr deutlich eine andere Sprache. Wer länger als fünf Tage in Turkmenistan bleiben möchte, benötigt grundsätzlich einen Führer und wird nur in Ashgabat, wo fast an jeder Ecke ein Polizist steht, alleine gelassen. Wir, die wir mit einem Transitvisum in besagten fünf Tagen das Land in Richtung Norden nach Usbekistan durchqueren, bekommen ein GPS Gerät ins Auto, welches aufzeichnen soll, ob wir uns auch an die zuvor bestimmte Route halten. Es ist allerdings dermaßen klobig, dass es in Daggis Fußraum landet, wo es sehr wahrscheinlich keinen Empfang hat. Es hat sich niemand darum gekümmert, dass wir es an den Strom anschließen und bei der Ausreise wurde es ebenfalls nicht kontrolliert. Manche Reisende berichten, dass die Grenzbeamten sogar vergessen haben, die Rückgabe zu verlangen.

Verlässt man den Grenzposten, wird einem eingeschärft, die nächsten 30 Kilometer durchzufahren, nicht anzuhalten und keine Fotos zu machen. Es ist militärisches Sperrgebiet und ein Stopp ist strengstens untersagt. Es fällt schwer, sich daran zu halten. Als wir um eine Kehre biegen, leuchtet ganz in weißen Marmor gehüllt Ashgabat unten am Fuß des Gebirges. Ein überwältigender Anblick! Wir halten brav nicht und fahren, wenn auch langsam, konstant weiter. Am Ende des Sperrgebiets werden ein letztes Mal unsere Pässe und Fahrzeugpapiere kontrolliert und kurz darauf bewegen wir uns auf fast komplett leeren, bis zu achtspurigen Straßen durch die wohl skurrilste und absurdeste Stadt der Welt.

Stadt der Rekorde

Dies ist nicht der einzige Rekord den Ashgabat hält. Es ist beispielsweise die Stadt mit den meisten Marmorfassaden im Verhältnis zur Fläche, es hatte ab 2008 für einige Jahre den welthöchsten, freistehenden Fahnenmasten mit einer Höhe von 133 Metern zu bieten und besitzt das größte Riesenrad in geschlossener Bauart. Das 46,7 Meter hohe Gebäude ist auf dem Titelbild dieses Blogeintrags zu sehen. Mittlerweile steht der Rekordhalter unter den Fahnenmasten übrigens in der saudiarabischen Hafenstadt Dschidda. Er streckt seine Fahne 171 Meter hoch in den Wind.

Größenwahn seit der Gründung

Damit all der weiße Marmor nicht verschandelt wird und weil der aktuelle Präsident Gurbanguly Mälikgulyýewiç Berdimuhamedow ein Faible für die Farbe hat, sollen nur weiße Autos in der Hauptstadt fahren, schwarze dürfen gar nicht ins Land importiert werden. Fahrzeuge in Ashgabat müssen zudem sauber sein. Wer nicht dafür sorgt riskiert ein Bußgeld. Freunde von uns wurden aus diesem Grund prompt von der Polizei gestoppt und – immerhin ohne Strafe – zur Autowäsche geschickt.

Im Vergleich zu seinem Vorgänger Saparmyrat Nyýazow könnte man Berdimuhamedow allerdings schon fast als gewöhnlich bezeichnen. Nyýazow hatte die Präsidentschaft ab der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 übernommen und das Land bis zu seinem Tod im Jahr 2006 als Alleinherrscher geführt. Recht bald schon ließ er überall Statuen von sich, seinem Vater und seiner Mutter aufstellen. Sein Buch Ruhnama wurde zur Pflichtlektüre des Volkes erklärt. Es geht darin um Geschichte, Verhaltensregeln und Religion. Ein Viertel der Schulzeit musste dem Buch gewidmet sein. Teile der Fragen während der Führerscheinprüfung beschäftigten sich mit dem Inhalt des Buches. Die Turkmenen fallen uns als verhältnismäßig besonnene Autofahrer auf – vielleicht war ja nicht alles schlecht?

1993 begann Nyýazow sich Turkmenbaschi, Führer der Turkmenen, zu nennen. In der Folge erhielt Schulen, Straßen, Flugplätze, Wodka, eine Stadt und sogar ein Meteor diesen Namen. Überhaupt schien der Führer mit vielen alten Bezeichnungen unzufrieden zu sein. Die Monate des Jahres benannte er nach historischen Turkmenen oder seiner Mutter, auch vor den Wochentagen machte er nicht halt und verpasste ihnen neue Namen. Einiges wurde nach Amtsantritt von Berdimuhamedow wieder rückgängig gemacht. Die neuen Monats- und Tagesnamen wurden 2008 wieder abgeschafft und Ruhnama ist aus dem Schulunterricht und den Prüfungen verschwunden. Das Ruhnama Denkmal steht zwar noch, aber das dargestellte Buch öffnet und schließt sich nicht mehr. Angeblich ist der Mechanismus dafür kaputt. Auch die goldene Statue von Saparmyrat Nyýazow auf dem Unabhängigkeitsdenkmal dreht sich nicht mehr dem Lauf der Sonne folgend.

Diese Aufzählung von Skurrilitäten, die leider alle zu Lasten der Bevölkerung gehen, könnte man fast endlos fortsetzen. Wer sich ein wenig mit der Region beschäftigen möchte, dem können wir das Buch Sowjetistan der norwegischen Journalistin Erika Fatland empfehlen. Es erzählt auf unterhaltsame Weise die Geschichte der Stan-Länder seit dem Fall der Sowjetunion. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Lisa und Jonas für das Buch – es war bzw. ist eine echte Bereicherung für uns.

Trotz Verbote ein Paradies für Fotografen

Da die Zeit tickt stürzen wir uns direkt nach unserer Ankunft in Ashgabat in unser Sightseeing-Programm. Es ist alles enorm weitläufig. Prunk braucht Platz! Riesige Plätze, mächtige Säulen, blendendes weiß, wohin das Auge reicht und keine Menschen. Die Prachstraßen sind wie leergefegt. Und gefegt wird tatsächlich viel. Fast die einzigen Menschen, die wir an den Sehenswürdigkeiten entdecken, sind entweder Polizisten und Soldaten oder bis zu 20-köpfige Putztrupps, die jede Ritze zwischen den Marmorplatten peinlich genau säubern. Man mag davon halten was man mag, aber das Herz des Fotografen geht angesichts strenger Linienführung, strikter Symmetrie und maßloser Übertreibung auf. Es ist ein Paradies, obwohl von vielen Gebäuden keine Fotos gemacht werden dürfen. Immer wieder rennen die Uniformierten auf mich zu, wedeln mit den Händen und rufen „no photo, no photo!“. Es ist dennoch eine ansehnliche Ausbeute herausgekommen.

Verlässt man Ashgabat, zeigt sich innerhalb weniger Kilometer ein ganz anderes Bild. Das Land ist geprägt von Wüste und kargen Landschaften. Ein ganz besonderes Highlight ist das Tor zur Hölle, an dem wir eine Nacht auf unserem Weg durch das Land verbracht haben.


Für Matsch&Piste haben wir einen ausführlichen Bericht über Turkmenistan geschrieben. Wenn ihr mehr über Visabestimmungen, Kosten, die gefahrene Route oder unsere Erlebnisse im Land – insbesondere die Einreise war an Skurrilität kaum zu überbieten – wissen möchtet, dann gelangt ihr hier zum Artikel: Turkmenistan – Transit durch die Diktatur.

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