Schildkröten-Felsen am Baikalsee, Russland

In zwölf Monaten hin – zurück in vier Wochen

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Russland

Einmal quer durch Russland führt uns der Rückweg, nachdem wir die Mongolei hinter uns gelassen haben. Das dauert in etwa drei Wochen, obwohl wir wegen der einsetzenden kühlen Witterung und etlicher Regen- und sogar Schneetage die Schnecke zu Höchstleistungen antreiben. Einige sehenswerte Orte lassen wir daher leider links liegen, aber, soviel sei vorweggenommen, Russland hat Grandioses zu bieten und wir möchten unbedingt nochmals eine längere Zeit in diesem Land verbringen, welches wir bisher völlig zu Unrecht ignoriert haben.

Die Mongolei gibt auf den letzten 300 Kilometern von Ulan Bator bis zur russischen Grenze im Norden nochmals alles, um uns den Abschied leicht zu machen. Es sind so ziemlich die schlimmsten, die wir bisher erlebt haben (uns ist bewusst, dass wir ähnliches schon vorher behauptet haben, aber es stimmt tatsächlich jedes Mal). Die Durchschnittsgeschwindigkeit fällt in manchen Abschnitten auf unter 10 km/h. Wir sind also entsprechend glücklich, als wir endlich glatten, russischen Asphalt unter die Räder bekommen und entspannen anschließend erst einmal ein paar Tage in Ulan Ude, bevor wir die Ostküste des Baikalsee bis zur Swjatoi Nos, der heiligen Nase, der größten Halbinsel des Sees, hinauffahren.

Der Baikalsee – das Meer mitten in Sibirien

Man liest häufig über die Superlative des Baikalsees, aber sie sind einfach zu überwältigend, um sie nicht ebenfalls zu erwähnen. Er ist alt, über 25 Millionen Jahre. Er ist tief, 1.642 Meter. Das macht ihn zum ältesten und tiefsten Süßwassersee der Erde. Außerdem ist er groß, nein, riesig. Über 31.000 Quadratkilometer, seine Uferlänge beträgt rund 2.125 Kilometer, das Wasservolumen 23.615 Kubikkilometer. Er ist damit größer als beispielsweise die Ostsee und fasst alleine ein Fünftel der weltweiten Süßwasserreserven.

Ab jetzt bewegen wir uns erstmals westwärts. Ein komisches Gefühl. Das bedeutet jeder Meter führt uns in Richtung Europa – irgendetwas stimmt da nicht. Aber noch sind wir unterwegs und haben wunderschöne, sibirische Birkenwälder vor uns, die in traumhaften Herbstfarben leuchten.

Stolby Nationalpark bei Krasnojarsk

Besonders sehenswert sind diese im Stolby Nationalpark in der Nähe von Krasnojarsk, der drittgrößten Stadt Sibiriens. Wir bleiben zwei Nächte im Auto direkt vor dem Parkeingang, während die Besucher aus der nahegelegenen Millionenstadt morgens und abends an uns vorbeiströmen. Niemand stört sich an uns. Im Gegenteil, häufig hören wir ein paar deutsche Wörter. Am ersten Abend steht Sascha, eine junge Russin, vor unserem Eingang und erklärt uns, dass wir einen Aufkleber eines guten Freundes von ihr auf unserem Reservekanister kleben haben. In der Tat, Sergej kam uns im Altai Gebirge in einem mächtigen Offroad-Toyota entgegen, mit dem er Touristen durch das unwegsame Gelände führte. Er war begeistert, uns zu treffen und sprach sogar recht gut deutsch. Seit dieser Begegnung klebt sein Aufkleber auf unserem Reservekanister. Sascha schießt schnell ein paar Fotos für Instagram und ist dann wieder verschwunden.

Den nächsten Tag verbringen wir im Park. Neben den farbenprächtigen Wäldern und markanten Steinformationen sind die angefütterten und fast zahmen Kleiber und Streifenhörnchen die eigentlichen Stars des Reservats. Sie arbeiten hart, um sich für den eiskalten sibirischen Winter fit zu machen.

Stadtbilder

Neben Flora und Fauna bestimmen hauptsächlich kleine Städtchen unseren Weg durch Russland. Häufig bestehen sie aus liebevoll geschmückten, bunten Holzhäusern. Die traditionelle Bauweise aus ganzen, aufeinandergeschichteten Holzstämmen findet sich auch bei manchen Kirchen, wie unten zu sehen beim Kloster der Heiligen Zarenmärtyrer, Ganina Jama, in der Nähe von Jekaterinburg, wo 1918 die letzte Zarenfamilie ermordet wurde.

Werden die Städte größer finden sich natürlich auch die typischen Beispiele sowjetischer Architektur.

Rund 4000 Kilometer nachdem wir vom Baikalsee losgefahren sind ist es dann soweit, wir überqueren den Ural. Das Gebirge, das Europa und Asien trennt. Damit betreten wir erstmal nach über zwölf Monaten wieder europäischen Boden.

Grenze zwischen Europa und Asien, Uralgebirge, Russland

Bei den Tataren

Noch etwas weiter westlich, in Kasan, der Hauptstadt Tatarstans, legen wir eine mehrtägige Pause ein. Nach langen Fahrtagen im Regen sind ein paar Tage besseres Wetter vorhergesagt. Sie hätten zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Kasan ist ein Perle. Die Mischung aus modernem Flair, tatarischer Tradition, klassischer wie zeitgenössischer Architektur mit orientalischen, russischen und westlichen Einflüssen, Straßenkunst und die Angebote einer Großstadt begeistern uns.

Der Kasaner Kreml gilt als einer der schönsten Russlands. Als Symbol für ein friedliches Miteinander der Religionen steht dort die moderne Kul-Scharif-Moschee in unmittelbarer Nachbarschaft der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert. Die Tataren, ein Turkvolk, welches im 13. Jahrhundert aus der Mongolei kam, sind haupsächlich muslimischen Glaubens während die russische Minderheit in der Stadt meist christlich-orthodox ist.

Aber auch das moderne und völlig verspielte Gebäude des Puppentheaters, der Palast der Landwirte, mit seinem 20 Meter hohen Bronzebaum vor einer verspiegelten Fassade, der Zirkus, der wie eine fliegende Untertasse aussieht oder der Hochzeitspalast, der die Form eines Kelchs hat, sind mehr als faszinierend.

Weiter westwärts Richtung Hauptstadt

Und wieder geht es auf die Straße. In etwa 800 Kilometer trennen uns noch von Moskau. Russland versucht uns zwar mit einem Schneesturm von der Ankuft in der Hauptstadt abzuhalten, aber ohne Erfolg. Immerhin zwei volle Tage hält das Wetter ohne Regen durch. Das reicht um einen kleinen Eindruck zu erhalten und zu entscheiden, dass wir wiederkommen müssen. Alleine in Moskau könnten wir endlos Zeit verbringen.

Geschenke im Warenhaus GUM

Zu allererst geht es natürlich direkt zum Roten Platz. Der Platz vor dem Warenhaus GUM präsentiert sich passend zur Jahreszeit mit Strohballen, buntem Laub, Lastwagen mit geladenen Äpfeln und Kürbissen, Verkaufsständen und einem (kostenlosen) Kettenkarussell.

Das Einkaufszentrum ist mit 75.000 Quadratmeter Fläche – wie so vieles in Russland – überwältigend. Wegen der exquisiten Lage und der entsprechenden Preisgestaltung kommt für uns nur eine Besichtigungs- und keine Shopping-Tour in Frage. Umso überraschter sind wir, als wir vor einem Käsestand auf Englisch angesprochen werden. Wir sollten nur mal ein kleines Stück probieren, „ich schneide mal eben etwas für euch ab“. Und schon schreitet der Verkäufer zur Tat, schneidet erst einen recht großen Teil des Käses herunter, meint „der ist für euch“ und gleich darauf zwei kleinere „zum Probieren“. Als wir erklären, wir reisten für eine längere Zeit und könnten uns leider keinen so guten Käse leisten, reagiert er mit Verwunderung. „Wieso kaufen? Der ist ein Geschenk!“. Und er meint es tatsächlich ernst. Wir bekommen ein Stück fantastischen Käse, wie wir ihn seit über einem Jahr nicht mehr hatten. Hochwertiger Käse, oder zumindest, was wir darunter verstehen, ist in den von uns bereisten Ländern nur als Importware und entsprechend teuer zu bekommen, so dass wir darauf verzichtet haben. Umso größer ist unsere Freude angesichts dieser völlig unerwarteten und herzlichen Aufmerksamkeit. Zum Abschied gibt es noch ein gemeinsames Foto mit der Standdeko bestehend aus Fellmütze und Dolch.

Wir treiben weiter durch die Stadt: Lenin Mausoleum, Wachablösung am Grabmal des unbekannten Soldaten, der Konzertsaal im Zaryadye Park, die über 100 Meter hohe Christ-Erlöser-Kathedrale und vieles mehr.

Als besonders erwähnenswert empfinden wir das Gelände der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft. Dort stehen über 100 Pavillons, die hauptsächlich in den fünfziger Jahren gebaut wurden. Sie werden beispielsweise für Ausstellungen und Messen genutzt, einige beherbergen Museen oder andere Informations- und Unterhaltungsangebote für die Bevölkerung. Ein Besuch lohnt alleine schon wegen der unterschiedlich gestalteten Pavillons. Ganz in der Nähe des Areals befindet sich außerdem das vollständig mit Titan verkleidete Kosmonautenmuseum.

Am Abend zieht es uns dann wieder auf den Roten Platz, wo das staatliche historische Museum und die Basilius-Kathedrale in der Dunkelheit angestrahlt noch schönere Fotomotive als untertags bieten.

Zum Staunen und Fotografieren kann man sich in Moskau auch tagelang in der Metro aufhalten. Wir beschränken uns auf einen Vormittag. Ein paar Eindrücke:

Endgültig zurück

Damit ist unser rund 6000 Kilometer lange Weg quer durch Russland schon fast beendet. Zwei Tage nachdem wir Moskau verlassen haben überqueren wir die Grenze zu Lettland, weitere zwei Stunden später reisen wir in Litauen ein, wo wir uns noch Kaunas ansehen. Über Polen geht es anschließend weiter nach Deutschland.

Jetzt gibt es einiges zu tun: wir entscheiden uns, das Bett neu zu konstruieren, um Gewicht zu reduzieren. Bei dieser Gelegenheit isolieren wir den Alkoven mit einer weiteren Lage Armaflex und montieren außen zwei Arbeitsscheinwerfer. Neue Batterien in der Wohnkabine, neue Elektroverteilung, ein LED Streifen unter dem Dach, ein Fenster aus- und wieder eingebaut, um es abzudichten, neues Fahrwerk, Service bei Ford, Routenplanung Afrika, Verschiffung oder doch Landweg und Fähre, Umzug unseres Lagerguts…. wir melden uns wieder, sobald wir auf der Straße sind! Vermutlich im Januar. Bis dahin, macht es gut! Und schöne Weihnachten!

6 Kommentare

  1. Super Bericht, macht echt Lust, das alles selbst zu sehen! Seid ihr also wieder in München?

    Ganz liebe Grüße 😘 Stephi & Co.

    • Freut uns, wenn wir die Lust auf das Reisen wecken. 🙂

      Wir sind gerade die meiste Zeit in Kassel, weil wir hier die Möglichkeit haben, in einer Halle am Auto zu arbeiten. Kurz vor und über Weihnachten werde zumindest ich in Augsburg sein, Daggi ist noch nicht sicher. Vielleicht klappt es ja in der Zeit noch mit einem Wiedersehen. Würde mich sehr freuen!!

    • Lieben Dank für Deinen Kommentar! Oh ja, Russland ist wirklich wunderschön. Und wir haben eigentlich noch gar nichts von dem Land gesehen…

  2. Ich hatte von dieser Reise vor etwa einem Jahr gehört und tatsächlich 3 bis 4 mal daran gedacht wo und wie das aussehen wird. Ich freue mich das ich diese Geschichte lesen konnte und über die tollen Bilder.

    LG. Edward Fendt

    • Das freut uns natürlich sehr! Vielen Dank!! Wir werden uns bemühen so weiterzumachen, wenn wir im wieder unterwegs sind. 🙂
      LG Oliver

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