Israel Mittlerer Osten

Israel Reisereportage – Im Camper durchs heilige Land

Felsendom, Tempelberg, Jerusalem, Israel

Die Zollbeamten im Hafen sind freundlich aber bestimmt: „Räumt bitte euer gesamtes Auto aus. Wir müssen jedes Gepäckstück durch das Röntgengerät schicken.“ Damit hatten wir zwar gerechnet aber doch gehofft, irgendwie davon zukommen. Ausräumen und scannen gehen überraschend schnell. Nach nur einer Stunde ist alles draußen.

Fahrzeugkontrolle im Hafen von Haifa, Israel

Die nächste Stunde verbringen wir damit, Ramon wieder zu befüllen. Wenn wir nicht penibel darauf achten, jedes Teil an seinen festen Platz im Fahrzeug zu räumen, endet das unweigerlich im Chaos und wir finden nichts mehr. Anschließend durchlaufen wir mit unserem aufgezwungenen Hafenagenten (siehe On the road again – oder besser: on the water, finally!) diverse weitere Stationen im Hafen. Vier Stunden nachdem wir von Bord gegangen sind verlassen wir das Gelände und sind in Israel angekommen. Haifa präsentiert sich auf den ersten Blick noch vom Schiff aus nicht gerade charmant.

Cityscape Haifa, Israel

Im Kibbuz

Einen zweiten Blick sparen wir uns und fahren direkt ins Umland zum Kibbuz Yagur. 2017 hatten wir im Dschungel von Guatemala Gaby und Momish kennengelernt, die wir nun zu Hause besuchen möchten. Obwohl wir uns nur kurz getroffen und seitdem keinen Kontakt mehr hatten, werden wir mit herzerwärmender Gastfreundschaft empfangen. Beide sind inzwischen knapp über 70 Jahre alt und leben seit ihrer Geburt im Kibbuz.

Was war nochmal ein Kibbuz?

Für alle, die wie wir zwar zu Schulzeiten schon etwas über Kibbuze gehört, aber keine Details mehr parat haben, eine kurze Auffrischung. Ein Kibbuz ist ein Kollektiv, in welchem die Mitglieder in einer sozialistischen Ordnung ohne Privateigentum zusammenleben. Das Kibbuz stellt Wohnraum, Kindergärten, Schulen, Mensa, Altenheim, im Grunde die gesamte soziale Infrastruktur. Um das zu finanzieren, gibt jedes Mitglied sein Gehalt vollständig an die Gemeinschaft ab. Früher erhielten alle Mitglieder dann einen einheitlichen Betrag zur Deckung der persönlichen Bedürfnisse. Inzwischen musste man aber feststellen, dass Leistung in irgendeiner Weise belohnt werden muss, weshalb mittlerweile ein Verteilschlüssel eingeführt wurde, der berücksichtigt, wie viel ein Mitglied einzahlt.

Das Kibbuz als Wirtschaftsunternehmen

Das Kibbuz selbst ist wirtschaftlich tätig. Yagur besitzt beispielsweise Fabriken, die Plastikrohre und Metalldosen herstellen, sowie eine hochmoderne Rinderhaltung zur Milchgewinnung. Jede Kuh ist mit einem Chip versehen. Beim Melken wird direkt ihre Milch analysiert und daraus eine Futterzusammensetzung abgeleitet. Es gibt verschiedene Ställe, in denen unterschiedliches Futter gegeben wird. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass die Kühe immer nach ihren aktuellen Bedürfnissen gefüttert werden.

Leid und Lebensfreude

Einen besseren Einstieg in dieses schwierige Land hätten wir uns nicht wünschen können. Gaby und Momish zeigen uns das ganze Kibbuz, mit 1600 Mitgliedern eines der größten in Israel. Im Besucherzentrum, welches Gaby leitet, erfahren wir viel über die Geschichte, beispielsweise wie Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten jüdischen Siedler ankamen und begannen, den damals Malaria-verseuchten Sumpf urbar zu machen. Dieses Beispiel lässt sich auf ganz Israel übertragen. Es ist beeindruckend, mit welcher Kraft und Energie in kürzester Zeit ein Land und eine Wirtschaft aufgebaut wurden, die international ganz oben mitspielen.

Wir hören von unvorstellbar tragischen Schicksalen aus der Leidenszeit des Dritten Reichs. Viele Menschen hier im Kibbuz können von den Gräueltaten, die ihren Familien angetan wurden, berichten. So auch Gaby selbst, dessen Mutter und ihre Zwillingsschwester von Josef Mengele im KZ Auschwitz zu Experimenten missbraucht wurden. Nur Gabys Mutter überlebte. Diese Geschichten unmittelbar von Betroffenen zu hören lässt uns hilflos, ohnmächtig und sprachlos zurück. Und gleichzeitig dankbar, dass wir so herzlich aufgenommen werden und so offen mit uns über die Vergangenheit gesprochen wird.

Trotz der schweren Vergangenheit, fehlt es den Kibbuzbewohnern zum Glück nicht an Lebensfreude. Gleich als wir ankamen hatte uns Gaby zum Mittagessen in die Mensa des Kibbuz eingeladen. Wir saßen gerade vor unseren Tellern am Tisch als eine große Gruppe von bestimmt 50 oder mehr Schulkindern in den Speisesaal kam. Noch während die meisten an der Essensausgabe warteten, fiel irgendwo im Raum scheppernd ein volles Tablett zu Boden. Als Antwort darauf schallte ein lautes „Mazel tov – viel Glück!“ durch den Saal, unisono gerufen von allen Kindern. „Nach der Trauung zertritt der Bräutigam ein Glas“, erklärte uns Gaby den Brauch auf jüdischen Hochzeiten. „Damit wird symbolisiert, dass eine Ehe auch durch schwierige Zeiten gehen kann. Nachdem das Glas zertreten ist, feiert die Traugemeinde mit „Mazel tov“ Rufen.“

Der Jom-Kippur-Krieg

Obwohl wir nur eine Nacht im Kibbuz bleiben, bieten uns die persönlichen Gespräche mit Momish und Gaby mehr Einblick in das Denken und Handeln Israels als es endlose Geschichtsstunden hätten leisten können. Gaby kämpfte 1973 im Jom-Kippur-Krieg auf den Golanhöhen gegen die syrische Armee und ist der festen Überzeugung, dass sich Israel nur durch Demonstration von Macht behaupten kann. „Wir sind von uns feindlich gesinnten Staaten umgeben. Nur durch Stärke werden wir bestehen.“

Im Oktober 1973 griffen Ägypten und Syrien am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur auf dem Sinai und den Golanhöhen Israel an. Die israelische Armee konnte aber an beiden Schauplätzen die Gegner zurückdrängen und nach weniger als drei Wochen wurde von den Kriegsparteien ein UN-Waffenstillstand unterzeichnet.

Der Bental in den Golanhöhen

Wir versuchen, den Einblick etwas zu vertiefen und besuchen eine Kriegsgedenkstätte auf dem Bental in den Golanhöhen. Das Wetter passt zum Thema. Sturm fegt eisig über das Plateau, Nebel hüllt die Landschaft ein. Es ist unwirtlich und beklemmend. Die Schützengräben, Schutzbunker und Statuen von Soldaten im Nebel tun ihr übriges.

previous arrow
next arrow
Slider

Die Vorgeschichte

Was uns vor Ort jedoch nicht verraten wird ist die Geschichte, die sich sechs Jahre vor dem Jom-Kippur-Krieg abgespielt hat und die erst die Grundvoraussetzungen für den Angriff geschaffen hatte. Im Sechstagekrieg 1967 hatte Israel Gebiete auf dem Sinai und den Golanhöhen erobert, die Ägypten und Syrien zurückgewinnen wollten. Später annektierte Israel die Landgewinne in den Golanhöhen und entwickelte dort Siedlungen. Was aber nie von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wurde. 2019 wurde der von Israel beanspruchte Grenzverlauf zu Syrien von – wie sollte es auch anders sein – Donald Trump anerkannt. Damit steht er allerdings allein auf weiter Flur. Die Vereinten Nationen betonen weiterhin die Gültigkeit der Resolution 497 des Sicherheitsrates, die von Israel verlangt, die Annexion rückgängig zu machen.

Heutzutage scheint der Ort des Kriegsgeschehens eher ein Ausflugsort für Familien zu sein. Kinder tollen laut lärmend durch die Gräben und spielen Soldat und anschließend geht man in die Gaststätte nebenan.

Die heilige Stadt Safed

Man kann beliebig in der Geschichte Israels zurückblicken, sie bleibt von Krieg bestimmt. Ein weiteres Beispiel, welches uns dies deutlich vor Augen führt, sehen wir in Safed. Die Einschusslöcher in der Hauswand dieser ehemaligen Polizeistation zeugen noch heute deutlich von den Geschehnissen im Mai 1948 als sich Großbritannien aus der Region zurückzog und der Staat Israel gegründet wurde.

previous arrow
next arrow
Slider

Krieg um Safed nach Abzug der Briten

Nach dem Abzug der Briten versuchte die arabischstämmige Mehrheit das jüdische Viertel von Safed einzunehmen. Die Juden, die nur zehn Prozent der Bevölkerung der Stadt stellten, konnten jedoch ihre Stellung behaupten und im Laufe der weiteren Gefechte die ganze Stadt einnehmen.

Safed ist für die Juden ein besonders wichtiger Ort. Neben Jerusalem, Hebron und Tiberias ist es eine der vier heiligen Städte. Seine Geschichte reicht annähernd 2000 Jahre zurück. Im 16. Jahrhundert entwickelte es sich zu einem Zentrum der Kabbala (mystische Tradition des Judentums) und nach 1948 Dank kräftiger Förderungen zu einer wichtigen Kunsthauptstadt. Die Altstadt ist klein, aber bietet mit den in hellen Steinen gepflasterten Gassen viel fürs Auge.

Das Land ist Gott gegeben

Während wir durch die Gassen treiben kommen uns ein alter orthodoxer Jude und eine Frau mittleren Alters an einer Treppe entgegen. Daggi bietet ihre Hilfe mit dem Trolley des Alten an und wir kommen kurz ins Gespräch. „Woher seid ihr? Seid ihr Juden? Seid ihr Künstler?“ möchte die Frau wissen. Auf die Antwort, wir seien Deutsche, ist Verwunderung zu spüren. „Warum besucht ihr Israel?“ – „Wir interessieren uns für das Land, die Menschen und die Geschichte.“ Das stößt auf Zustimmung. „Ihr seid am richtigen Ort. Safed ist uralt und voller wichtiger Geschichte.“

Als wir weitergehen ruft uns der Alte nochmals zu sich: „Es gibt eine Sache, die ich euch gerne mitgeben möchte. Ich bin Rabbiner und ihr wisst ja, wie die Bibel beginnt: ‚Am Anfang Schuf Gott die Erde.‘ Bereits im 8. Jahrhundert hat ein wichtiger Bibelkommentator geschrieben, dass die Zeit kommen wird, zu der die Juden beschuldigt werden, sich das Land einfach genommen zu haben. Ich möchte euch mitgeben, dass es darauf nur eine Antwort geben kann: Gott hat die Erde erschaffen und sie uns gegeben. Sie ist Gott gegeben. Er nahm das Land Kanaan und hat es den Juden gegeben. Das ist die einzig wahre Antwort.“

Israel – Das heilige Land

Viele Orte in Israel sind nicht nur den Juden heilig, sondern auch den Christen und Muslimen. Als brave Abendländer müssen wir also nach Kapernaum (oder Kafarnaum), einer Wirkungsstätte Jesu am See Genezareth, und nach Jerusalem. In Kapernaum beeindruckt uns die griechisch-orthodoxe Apostelkirche mehr als die historische Stätte. Wir haben zudem das Glück, dass dort gerade eine Hochzeit stattfindet und sich ein rauchender Gast für eine Szene anbietet, die eher wie ein Begräbnis aus einem Mafiafilm anmutet.

Jerusalem – Heiligtum der Weltreligionen

Auch in Jerusalem versammeln sich zahllose Angehörige aller drei Religionen. Was den Christen die Grabeskirche ist den Muslimen der Felsendom auf dem Tempelberg und den Juden die Klagemauer. Jeder hat sein (fast) Heiligstes in der Stadt. Genauso dicht wie die Touristen stehen die Häuser gedrängt auf den Hügeln der Stadt und die jüdischen Gräber auf dem Ölberg.

Besonders empfehlen möchten wir jedem Besucher der Stadt die Yad Vashem Holocaust Gedenkstätte. Mindestens einen Tag, eher sogar mehr, kann man sich in dem Komplex aufhalten – auch als Deutscher, der zum Glück daheim schon viel über das Thema gehört hat.

Hightech-Hauptstadt Tel Aviv

Ein ganz anderes Bild bietet sich in der Hauptstadt Tel Aviv. Die Uferfront ist geprägt von Sport treibenden Israelis vor Hochhausfassaden. Viele Hightech Startups finden sich hier – wohl über 6000 im ganzen Land. Das erzählen uns auch Israelis, die wir an einem Strand nördlich des Stadtzentrums kurz kennenlernen. Im Laufe des Gesprächs erwähne ich, dass ich für Intel gearbeitet habe. Er antwortet: „Ja, wir kennen Intel. Ein israelisches Unternehmen.“ Ich muss widersprechen: „Mmm, nein, Intel ist ein amerikanisches Unternehmen.“ „Nein, nein, Intel ist israelisch, sie haben über 9000 Mitarbeiter hier.“ „Äh… tut mir leid, ich weiß sicher, dass es ein amerikanisches Unternehmen ist, ich war im Hauptsitz in Santa Clara.“ Kopfschütteln von meinem Gegenüber.

Support von Liqui Moly

Diese Begegnung ist prägend für die Grundhaltung, die uns vorwiegend entgegenschlägt. Die Israelis, denen wir begegnen, lieben mit größter Überzeugung ihr Land. Sie halten zusammen, wie wir es selten von einer Nation erlebt haben. Interessant ist, dass wir, sobald wir als Reisende im Land sind, integriert werden. Man interessiert sich für uns und Ramon, wir bekommen viele Hilfsangebote. In dieser Hinsicht das tollste Erlebnis beschert uns der israelische Vertrieb von Liqui Moly, Ferromat LTD. Wir hatten wegen der Beschränkungen auf dem Frachtschiff fünf Liter Dieseladditiv zuhause gelassen und mit dem Vertrieb Kontakt aufgenommen, um zu erfahren, wo wir es nachkaufen können. Sie hatten uns geantwortet, dass wir uns telefonisch melden sollten, sobald wir in der Nähe wären. Was wir uns nicht zweimal sagen lassen. Wir sprechen mit dem Inhaber der Firma persönlich, der uns erklärt, er würde einen Mitarbeiter bei uns vorbeischicken und uns die benötigte Menge schenken. Uns fehlen die Worte. Vielen Dank nochmals an Ferromat LTD für unser erstes Sponsoring!

Geschenke vom Liqui Moly Vertrieb in Israel

Das Tote Meer

Und natürlich darf auch eine wichtige Urlaubsregion des Landes nicht fehlen. Wir hatten uns das Tote Meer allerdings etwas anders vorgestellt. Hotelbunker und Ballermann-Atmosphäre überraschen uns sehr. Das Treiben im Salzwasser ist zwar lustig, wird aber auch bald langweilig. Wir fahren also recht schnell wieder weiter.

Sehr gerne hätten wir noch versucht, in den Palästinensergebieten mit ein paar Menschen zu sprechen, um auch die Sichtweise der anderen Seite direkt zu hören. Leider hat sich das während unseres kurzen Aufenthalts in Jericho nicht ergeben, so dass wir mit einem unvollständigen Bild Israel verlassen. Aber um das Bild einer so komplexen Situation zu vervollständigen hätten wir sowieso deutlich länger bleiben müssen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
1 Kommentar
älteste
neueste
Inline Feedbacks
View all comments
1
0
Would love your thoughts, please comment.x